Season 3 Hannah Baker

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#1
Hi zusammen,
wie der Rest, freu ich mich schon sehr auf Season 3.

Carina, 30, aus Österreich, seit Ende der 1. Season mit dabei.
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Hannah Baker

22 Jahre alt
1.70 groß, schlank, dunkelblond, blaue Augen


“Wieder schlecht geschlafen?”, fragte mich Cora, während ich mir die Augen rieb und versuchte, die Müdigkeit zu vertreiben. Ich nickte und nippte an meinem Kaffee. “Soll ich dir etwas Opium besorgen? James rückt sicher ein bisschen was raus, wenn ich ihn lieb darum bitte …”, plapperte sie weiter, doch ich winkte ab. “Schon gut”, sagte ich. “ Ich werd heute Nacht versuchen, früher Schluss zu machen und mir einfach etwas Ruhe gönnen.”

Cora warf mir einen zweifelnden Blick zu, sagte jedoch nichts mehr. Sie wusste natürlich, dass mir Mr. Swearengen nicht früher frei geben würde, akzeptierte aber, dass ich offenbar nicht weiter auf das Thema eingehen wollte.

Schon seit fünf oder sechs Tagen ging das so. Ich wachte schweißgebadet, mit klopfendem Herzen und rasendem Puls auf. Ich hatte keine Ahnung, was mich weckte. Es mussten Alpträume sein, aber ich konnte mich an nichts erinnern. An nichts, außer an dieses leise Klingeln. Fast wie ein helles Glöckchen. Ganz leise nur, aber es dauerte jeden Tag länger, dieses Geräusch aus meinem Kopf zu verbannen und wieder einzuschlafen. Wenn ich daran dachte, konnte ich es sogar jetzt hören, oder zumindest bildete ich mir das ein.

Mit einem Seufzen brachte ich die leere Tasse in die Küche und betrachtete mich im Spiegel. Bis auf ein paar Schatten unter den Augen sah ich ganz passabel aus. Die dunkelblonden Haare waren nur zum Teil hochgesteckt, der Rest fiel in freien Locken über meine Schultern. Die Lippen hatte ich wie immer rot geschminkt, dunkle Linien umrahmten die tiefblauen, noch etwas glasig wirkenden Augen. Mein schlanker Körper steckte in einem der typischen Saloon-Kleider, der Oberkörper fest im Mieder eingeschnürt, nach oben hin aber äußerst freizügig, die Beine verdeckt vom bodenlangen Rüschenrock.

Es war wichtig, gut auszusehen. Besonders in meinem Gewerbe. Geld gibt’s nur, wenn Leistung erbracht wird und das bedeutet, möglichst viele Gäste verführen und sie, wenn man Glück hat, zu Stammkunden zu machen.

Ja, ich weiß was ihr jetzt denkt: Oh Gott, Hannah Baker ist eine Hure - und ihr habt recht. In diesem Punkt kann ich euch nicht widersprechen, ich bin keine ehrbare Frau, schon eine ganze Weile nicht mehr. Aber hey, es gibt schlimmeres auf dieser Welt. Ich möchte jedenfalls nicht in der Haut vom verrückten Gabriel stecken, der mindestens einmal die Woche verprügelt oder eingesperrt wird, weil er wieder mal seine Langfinger nicht unter Kontrolle hatte. Außerdem hab ich nichts gegen Männer, ganz im Gegenteil. Gegen Frauen im Grunde auch nicht, aber die haben in Saloons nun mal keinen Zutritt, außer natürlich Calamity Jane, aber von ihr erzähl ich euch ein andermal.

Ich arbeite seit ich 16 bin für Mr. Swearengen. Erst in seiner kleinen Bar, dem Cricket Saloon, als Mädchen für alles, später im viel schöneren Gem Variety Theater (dem bekanntesten Saloon der Stadt), bis ich schließlich mit 18 in mein jetziges Gewerbe einstieg - bringt einfach viel mehr Geld ein …

“Na, Cowboy?”, sprach ich einen Kerl mittleren Alters an, der vor einigen Minuten durch die Tür gekommen war und gerade sein erstes Glas Whisky geleert hatte. “Dich hab ich hier noch nie gesehen, bist du neu in der Stadt?” Er blickte auf, musterte mich mit einem langen Blick, ehe er nickte. Ich trat näher und legte ihm wie beiläufig eine Hand auf die Schulter. “Das ist doch ein guter Grund um anzustoßen. Charley? Noch zwei Whisky bitte!”, rief ich dem Barjungen zu, ehe ich mich wieder dem Unbekannten widmete, mich langsam runter beugte und leise in sein Ohr flüsterte: “Geht auf’s Haus.” Ich richtete mich auf, nahm meinen Drink und stürzte ihn nach einem kurzen “Cheers” runter. Der Whisky brannte nur leicht. Mein Körper war daran gewöhnt. “Wenn du Lust hast, deine Ankunft in Deadwood gebührend zu feiern, dann gibst du mir Bescheid, ja? Von so einem strammen Kerl wie dir, könnte ich mich zu so einigem überreden lassen”, sagte ich, warf ihm noch einen letzten Blick zu und begann einen langsamen, nachdenklichen Streifzug durch den Saloon.

Ihr fragt euch vielleicht, wie ich hier gelandet bin. Meine Eltern waren, als ich klein war, voller Hoffnung in den Westen aufgebrochen. Die Aussicht, eigenes Land zu besitzen hatte sie, wie so viele andere, dazu bewogen, die beschwerliche Reise auf sich zu nehmen. Monat für Monat starben dabei Menschen, doch das hielt niemanden davon ab, sich ebenfalls auf den Weg ins Unbekannte zu machen. Der Osten drang in den Westen vor und war nicht aufzuhalten.

Das Stück Land, dass mein Vater für uns ausgesucht hatte, zeugte davon, wie wenig er von Landwirtschaft verstand. Die paar Getreidehalme, die darauf wuchsen, reichte zwar zum Überleben, zu Geld oder einem besseren Leben, wie erträumt, verhalfen sie uns aber nicht.

Nach drei Jahren gaben meine Eltern schließlich auf. Sie verkauften die Farm und wir zogen in die nächst größere Siedlung, wo sich mein Vater der dortigen Armee anschloss. Ein Fehler, denn noch im selben Jahr wurde er bei einer Auseinandersetzung mit Indianern schwer verwundet und starb schließlich am 20. Juni 1871, einen Tag vor meinem 11. Geburtstag. Meine Mutter versuchte ihr Bestes, doch sein Tod stürzte sie in eine tiefe Krise. Ich glaube, dass ihre trauernde Seele mit daran Schuld ist, dass sie noch im selben schicksalhaften Jahr ebenfalls verstarb. Sie hatte sich eine schwere Lungenentzündung eingefangen, die sie Woche für Woche mehr dahinwelken ließ, bis ihr Körper gegen Jahresende den Kampf verlor.

Ich hatte Glück im Unglück und durfte einige Jahre auf der Farm vom kinderlosen Jefferson aushelfen, dessen Frau das Schicksal meiner Mutter teilte. Ich half im Haus, fütterte die Tiere, kochte, putzte und sah den Cowboys bei der Rinderarbeit zu, wann immer es meine Zeit zuließ. Aber auch das war nicht von Dauer. Die Herde vom alten Jeff wurde von einer Seuche heimgesucht und das war’s dann mit der Farm. Er konnte die Steuern nicht mehr bezahlen, kam bei seinen Gläubigern in den Rückstand, verlor seinen ganzen Besitz und mich mit dazu.

Den Rest könnt ihr euch sicherlich denken. Wovon soll ein kaum 15-jähriges Mädchen ohne Eltern, ohne Verwandte und ohne Verlobten schon leben? Einen Laib Brot und ein Dach über dem Kopf kann man nun mal nicht mit Luft kaufen. Einige Leute im Dorf hatten davon gesprochen, noch weiter westlich ziehen zu wollen. Dort sei angeblich Gold gefunden worden, die ersten waren bereits reich geworden. Black Hills nannten sie die Gegend in South Dakota. Viele der Goldsucher ließen sich offenbar in Deadwood nieder, einem kleinen Ort, nicht mehr als eine Straße mit ein paar schäbigen, grob zusammengezimmerten Häusern. Doch der Ort wuchs beständig. Immer mehr Menschen strömten dorthin - und ich mit ihnen.

Der Rest des Tages verging ohne weiter Besonderheiten. Ich bevorzugte immer schon die Abende. Wenn der Saloon so richtig voll war und man das Gelächter, die Trinksprüche und das Klimpern des Klaviers schon von Weitem hörte. Ich liebe es, Menschen um mich zu haben, die ausgelassen feiern.

In dieser Nacht wollte sich meine eigene gute Stimmung jedoch nicht so recht einstellen. Vielleicht lag es am Schlafmangel, aber ich stand irgendwie neben mir. Als ich plötzlich eine Berührung an der Schulter spürte, zuckte ich regelrecht zusammen. Verdutzt blickte Cora mich an und zog rasch die Hand zurück. “Na, na, nicht so schreckhaft. Du siehst ja aus, als hättest du einen Geist gesehen!”, sagte sie besorgt. “Alles in Ordnung?” Langsam stieß ich die Luft durch die Zähne aus und versuchte das Zittern, das immer noch da war, abzustellen. Ich schlang beide Arme um mich. “Tut mir leid, ich war in Gedanken”, erklärte ich fahrig. “Ich geh mal für ein paar Minuten an die frische Luft, okay?” Ohne ihre Antwort abzuwarten, stand ich auf und verließ den Saloon. Zwei Kerle, die vor der Tür am Geländer lehnten, blickten mir abschätzend nach. “Bin gleich wieder da, ihr zwei, dann werden wir uns vielleicht einig”, rief ich ihnen zu und verschwand um die Ecke.

Seufzend lehnte ich mich gegen die kühle Holzwand, schloss die Augen und atmete ein paar Mal tief durch. Doch anstatt weniger zu werden, verstärkte sich mein Unbehagen noch. Jemand war bei mir, ganz nah. Es war fast, als könnte ich ihn greifen. “Könnt ihr euch nicht ein wenig gedulden und einer Frau ihre Ruhe lass-”, keifte ich die beiden vermeintlichen Männer an, bis ich unvermittelt abbrach. Die Gasse war leer. Keiner zu sehen. “Hannah, du musst wirklich dringend schlafen”, ermahnte ich mich selbst. Ich fühlte mich, als würden hundert Steine auf meinen Schultern lasten. Langsam glitt ich die Holzwand hinunter. Ich schloss erneut die Augen, während mein Verstand immer träger wurde und ich zu dösen begann. Leicht verärgert nahm ich noch wahr, dass das Klingeln wieder da war und mit jeder Sekunde, die verstrich, lauter und drängender wurde. Gleichzeitig schien mich etwas zu umfassen. Ich versuchte mich dagegen zu wehren und die Augen zu öffnen, doch mein Körper verweigerte mir seinen Dienst. Und so gewann die Dunkelheit die Oberhand und mein Denken endete.
 

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