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Info Mittelalterliches Sprechen

Mittelalterlicher Sprachgebrauch


1. Anrede
Im Allgemeinen gilt zunächst: Wir siezen nicht, wir ihrzen und euchzen. (Das ist zwar aus historischer Sicht ungenau. Aber das allgemein übliche „Du" wäre einfach langweilig.)
  • Seid willkommen an der Stätten.
  • Drängt Euch eine Frage? Nur frisch heraus damit!
Als Grundlage mag es genügen, erstmal schlichtweg alles und jede/n zu ihrzen. Wenn wir etwas sicherer geworden sind, dürfen (und sollten) wir unterschiedliche Standes-Ebenen in der Anrede verdeutlichen: aufwärts sagen wir dann stets 'Ihr', untereinander kommt bei einigen Leuten schon mal ein 'Du' vor, und abwärts ist das Duzen ganz selbstverständlich.

2. Verben
Bei Aufforderungen und Fragen eignen sich Verben (Tätigkeitswörter) ganz vorzüglich dazu, am Ende um ein eingeschobenes bereichert zu werden.
  • Ei, schauet nur diese Pracht!
  • Habet Ihr Eure Wahl schon getroffen?
  • Bedürfet Ihr eines Rates?
  • Wünschet Ihr noch einen weiteren Trunk?

Allerdings sollten wir hier nicht übertreiben. Nicht jedes Verb muß so verlängert werden, sonst leidet der Sprachfluß. Machet sparsamen, doch regelmäßigen Gebrauch davon, als wäre es Salz.
Laßet Euch nicht drängen. Wählet nur in Ruh und mit Bedacht.

3. Englisch
Der heute übliche Gebrauch von Anglizismen ist erst seit der Amerikanisierung unserer Kultur selbstverständlich. Im Mittelalter finden wir derlei nicht. Um grobe Schnitzer zu vermeiden, gilt es also auch, uns selbst zuzuhören und bei Bedarf Ersatz zu finden. Hier ein paar Beispiele, die sich oft und gerne einschleichen, mitnebst möglichen sprachlichen Ausweichmöglichkeiten:
Fair -> rechtens, ritterlich, regelrecht
Unfair -> nicht rechtens, nicht gerecht, wider die Regeln
Okay -> In Ordnung, „Je, nun", „Nun, gut", Wohl an, alsdann
Stop! -> Haltet ein!
Trick -> Kunststück, Kunstgriff, Kniff
Sport -> Ertüchtigung
Baby -> Säugling

4. Altbackene Worte
Die obigen Beispiele lassen es bereits erahnen: In unserer Sprache gibt es gar viele altbackene Worte und Redeweisen, die wir sehr wohl verstehen und sofort wieder erkennen, dieser Tage jedoch nur gar zu selten eigenmündig verwenden. Wenn wir es doch nur verstünden, davon so viele als möglich zu sagen, als wäre derlei unser täglicher Sprachgebrauch! Dann nämlich wäre es kaum noch vonnöten, uns um Weiteres zu bemühen. Wer wie eine Figur aus dem Märchenbuche spricht, überzeugt bereits zur Genüge. Dieser Absatz mag als Beispiel dienen.
Oft hilft es bereits gewaltig, sich zu fragen, wie wohl eine Märchenfigur dieses oder jenes sagen würde, dass wir auf dem Markte öfter mal in unseren jetzigen Worten sagen. Für Vieles bietet die deutsche Sprache auch ältere Worte und Formulierungen, die mindestens ebenso richtig, in unserer „Neuzeit" aber einfach veraltet sind. Hier läßt sich vieles bereits aus der eigenen Erinnerung zum alltäglichen Gebrauch gewinnen, ohne auch nur ein einziges Buch zu Rate zu ziehen.

5. Latein ist ecellent
Wer sich der Darstellung der höheren Stände widmet, kann und darf gerne einer Mode folgen, die bereits im Mittelalter entstand: der Latinisierung. Es klingt doch weitaus gebildeter, wenn etwas Latein in die Umgangssprache einfließt. (Ein Excempel excessiven Gebrauchs können wir im „Simplicissimus" nachlesen). Allerdings sollten sich Vertreter der niederen Stände besser vom Latein fernhalten. Denn schließlich: Wo sollen sie es denn her haben?

6. Des Genitivs Nutzung
Des Genetivs Anwendung ist inzwischen rar geworden. Seine Verwendung am Satzanfang ist zudem ein hübscher Kunstgriff, dessen Erfolg die geringe Mühe durchaus lohnt.

7. Den Konjunktiv gäb´s auch
Die Möglichkeitsform vertrüge durchaus mehr Verwendung, als die Neuzeit ihr zugesteht. Mit etwas Ohrenmerk fände sich wohl mancher Anlaß, und ganz alltägliche Sätze klängen plötzlich seltsam fremd.
  • Mich deucht, es wär wohl mählich an der Zeit...
  • Das könnt' ich wohl für Euch verrichten
  • Dies wäre schon für drei Silbergulden wohlfeil

Allerdings sei hier zur besonderen Vorsicht geraten. Ein Übermaß gerät flugs zum Eigentor: Gerade die hübschen kleinen Wörtchen „wär" und „sei" verführen zu möglichst häufiger Anwendung. Für's Erster sorgt derlei ja auch für einen höchst befremdlichen Klang. Überdies enthebt es uns der Mühe, das grammattisch richtige Wort zu finden. Der leicht erzielbare Effekt ist in der Tat so gewaltig, daß alsbald schon die Versuchung entsteht, sich im Bereich „mittelalterlicher" Marktsprache stets auf diesen einen bequemen Punkt zu beschränken. Leider jedoch nutzt sich die Wirkung gerade dadurch ebenso schnell wieder ab. Und spätestens, wenn der Konjunktiv dort erzwungen wird, wo er grammattisch blanker Unfug ist, blinzelt uns deutlich hörbar ein Faulpelz an.
Hier ein Paar abschreckende Beispiele, wie es bitte nicht sein sollte:
  • Ich hätt's wohl vergessen. (... unter welcher Bedingung?)
  • Ich sei wohl der Schmied hier... (... hat man ihm gesagt. Wer aber ist er wirklich?)

Unsere Verbesserungs-Vorschläge:
  • Es ist mir gänzlich entfallen.
  • Zu Sankt (Tages-Heiliger von übermorgen) ist es nun drei Jahre her...
  • Ich bin der Schmied anhier...

8. Aus Neu mach' Alt
Die Begegnung der Epochen bringt es mit sich, daß Marktbesucher Dinge mit sich führen, die es im Mittelalter noch nicht gab. Im Umgang mit diesen hat sich ein Spiel entwickelt, das allen Beteiligten immer wieder Freude bereitet: die Übersetzung des Gesehenen in die mittelalterliche" Sprech- und Sichtweise
Zwar ist derlei nicht wirklich notwendig, aber beispielsweise das Wort vom „Taschen-Drachen" ist ein so drolliges, daß es sich allgemeiner Beliebtheit erfreut. So erstaunt es nicht, daß vielerorts auch von Augenrädlein, Regendächlein, Lustkutschen oder Schnellzeichengeräten gesprochen wird, als seien all diese Dinge für uns ganz selbstverständlich..
Zugegeben: Diese Wortschöpfungen haben weniger mit altertümelnder Sprache zu tun als eher einem „kreativen Anachronismus". Aber gerade einer lebendig gewordenen Kunstsprache, wie die „mittelalterliche Marktsprache" nun einmal ist, stünde es schlecht an, solch spielerischen Umgang mit Gegebenheiten und Worten tadeln zu wollen. Wer in der eigenen Rolle und sprachlich sicher ist, wird gewiß keine großen Schwierigkeiten haben, derlei zu umgehen. Für Andere ist es ein Hilfsmittel mehr, das gerne mal verwendet wird.

9. Geschraubte Sätze
Als hilfreich erweist sich auch ein großes Gedächtnis, welches in der Lage ist, lange und geschraubte Sätze zu gestalten, darin ein Nebensatz noch sein Plätzchen findet, und dieselben hernach auch noch fehlerfrei aufzusagen. Dieses Stilmittel entsprich durchaus der Gewohnheit früherer Sprache und hat nicht unbedingt mit Verkünstelung zu tun. Es muß jedoch nicht jeder Satz lang sein.

10. Weitere Möglichkeiten( für Fortgeschrittene )

10.1. Satz-Umstellung
Wer bereits über ein gewisses Repertoire an Standard-Sätzlein verfügt, kann auch mal schauen, ob da nicht ein oder zwei dabei sind, bei denen der Satzbau noch eine Umstellung verträgt:
  • Nicht schmälern wollt' ich Euer Wissen, wohl aber es erweitern.

Allerdings sei dieses Mittel sparsam dosiert. Wenn solche verquasten Sätze in all zu großer Zahl flüssig vom Munde gehen, fällt schnell auf, daß die eigentliche Umgangssprache wesentlich schlichter gestaltet ist. Wer nur einen solchen Satz abbekommt, ist mit Verstehen beschäftigt genug, um auf diesen Gedanken noch nicht zu verfallen.

10.2. Wortschwall
Manchmal macht's auch die Masse. Ab einem gewissen Umfang gewinnen einstudierte langatmige Standardsätze bei etwas umständlicher Ausdrucksweise und etwas zu schneller Aussprache deutlich an Überzeugungskraft und erwecken den Eindruck geläufiger Alltagssprache. Nämlich genau dann, wenn das geneigte Publikum kaum noch folgen kann. Solange der Sermon mit Überzeugung vorgetragen wird und genügend seltsame Worte enthält, ist der sprachliche Wasserfall ein probates Mittel, sich „mittelalterlich" zu geben, ohne all zu große Widerreden oder Herausforderungen befürchten zu müssen
Zwar ist dieses Stilmittel wirklich erst für Fortgeschrittene zu empfehlen, die nötigenfalls noch etwas „nachschütten" können, ohne sich zu wiederholen. (Anfänger geraten einfach zu schnell und leicht ins Stocken.) Zur Erprobung einer bereits gefundenen eigenen Ausdrucksform jedoch sei es mindestens zum einmaligen Gebrauch dringend angeraten. Es macht einfach einen Heidenspaß, einen gewaltiges Füllhorn an Worten und Sätzen zu ergießen und die begossene Sprachlosigkeit des Gegenüber zu genießen: Äh... Ja. Außerdem ist's gut für's Selbstbewußtsein.
Was man jetzt noch tun müsste, wäre: Üben, üben, üben! Dies hier ist nur die Theorie und auf folgenden Seiten werde ich noch ein wenig Vokabular hinterlegen.
Es muss jedoch gewarnt werde, dass man die mittelalterliche Sprache nicht von heute auf morgen erlernen kann und dazu wird auch ein wenig Geschick in punkto Sprache gefordert sein. Nur, weil ihr jetzt diese Blätter gelesen habt, wisst ihr nicht alles über die Sprache. Das hier ist nur ein kleiner „Crashkurs". Wenn ihr mehr darüber erfahren wollt, stöbert im Internet oder fragt in Büchereien o. Ä. nach.
Einige interessante Seiten, die ich empfehlen kann (und woher auch das Meiste des Materials her habe), wären:
Hier wären einige der „wichtigeren Vokabeln", die jeder auf einem Mittelaltermarkt kennen sollte:

Hallo, guten Tag
Gott zum Gruße / Seid gegrüßt

Auf Wiedersehen
Gehabt Euch wohl

Herr
Edler Recke / Werter Herr

Frau
Edle Dame / Edle Jungfrau / Wertes Fräulein / mein Kind

Danke
So seid bedankt / Habet Dank

Gestern
Am gestrigen Tag

Morgen
Am morgigen Tag

Übermorgen
Dero in zwei Tagen

Papier
Pergamentum

Steak
Köstlich Fleischlappen

Wurst
In Darm gepresstes Fleisch

Ein Glas Bier
Einen Humpen von Gerstensaft

Toilette
Stallungen

Applaus
Handgeklapper

Entschuldigt
Verzeihet (vielmals)

Verratet mir
Gebet mir doch Preis

Feststellen
Gewahr werden / wurde mir gewahr

Flirten
Beminnen

Könnt Ihr mir das zeigen?
Könntet Ihr mir dies zur Demanstatio führen?

Darf ich mich setzen?
Dürfte ich meine Afterballen hier platzieren?

Was kostet das?
Was müsste ich berappen / Wie viele Taler müsste ich aus meiner Geldkatze kratzen?

Wohin?
Wohin des Weges / Wohin führen Eure Schritte

Und hier nun etwas „spezielleres" Vokabular oder Tipps. Man muss um Himmels Willen nicht alles davon aktiv können, macht allerdings großen Eindruck.

Zum Anlocken von Besuchern an den Stand/ an das Geschehen o. Ä:
  • Seid mir willkommen, Gevatterin!
  • Es ist mir eine Freude, Euch hier zu erblicken.
  • Wie können meine bescheidenen Fähigkeit Euch zu Nutzen sein?
  • Tretet nur ruhig ganz nahe heran. Betrachten kostet Euch hier nichts.
  • Seid willkommen, tretet ein. Darf ich Euch zu Hilfe sein.
  • So kommet näher, edle Dame, auf daß ihr auch die Feinheiten meiner Ware in Augenschein nehmen könnt. So fern wie ihr steht, könnten euch sonst die Augen aus dem Kopfe.

Verfeinerung der Anrede:
Dame

  • edle Dame
  • reizende Jungfer
  • liebreizende Maid
  • holde Frowelein
  • stolze Frohwe
  • greise Muhme/Gevatterin
  • schändlich Lästerweib/ Schandweib/ Metze (Ehebrecherin)
Herr
  • edler Herr
  • werter Gevatter
  • hehrer Recke
  • stolzer Bub (bei Jungen)
  • kühner
  • sonderbarer Gesell
  • nichtsnutziger Schalk


Quelle

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